Zwischen Antike und Gegenwart – ein studentischer Partysong im RPM

Vor kurzem war das RPM Filmlocation für einen Videodreh von Studierenden der MHH. Gesang, wummernde Bässe und ausgelassene Tanzszenen mitten in unserer neuen Ägypten-Dauerausstellung – geht das? Lesen Sie dazu eine Einordnung von unserer Direktorin Dr. habil. Lara Weiss.

Als lebendiger, sich stetig wandelnder Ort verstehen wir das RPM als offenen Dialograum zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Unser Ziel ist es, einen Raum zu schaffen, in dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und Neues entstehen kann. Das zeigt auch ein aktuelles Beispiel: Studierende der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben sich im Rahmen der Medimeisterschaften 2026 mit unserer Ägypten-Dauerausstellung auseinandergesetzt und daraus die augenzwinkernde Videomontage „Medimeisterschaften Hannover 2026 – Brot und Bier“ entwickelt.

Das Projekt entstand als Beitrag zu einem der größten studentischen Festivals Europas, bei dem jedes Jahr über 25.000 Studierende der Human-, Zahn- und Tiermedizin aus Deutschland und darüber hinaus für mehrere Tage zusammenkommen. Jede Universität entwickelt dafür ein eigenes Motto und setzt dieses mit viel Kreativität in einem Musikvideo um. Der Impuls für diese ungewöhnliche Kooperation mit dem RPM kam bereits im Januar 2026, als sich der Mediorga Hannover e. V. auf der Suche nach einer besonderen Filmlocation an uns wandte. Unter dem Motto „HannoPharaoh“ verbinden die Studierenden in ihrem Video Elemente wie Bier, Brot und Kamele mit der Energie eines modernen Partysongs.

Kunst als Brücke mit einem Augenzwinkern

Der Partysong mag auf den ersten Blick ungewöhnlich oder sogar irritierend wirken. Gleichzeitig berührt er zentrale Fragen, die wir auch in unserem Leitbild verankert haben und gemeinsam mit der Stadtgesellschaft und darüber hinaus diskutieren möchten: Wem gehört kulturelle Deutung? Wie viel Gegenwart darf in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mitschwingen? Und nicht zuletzt: Wie viel Spaß ist im Museum erlaubt?

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass auch das Alte Ägypten keineswegs frei von Humor war. Witz und Ironie begegnen uns dort oft in spielerischen Darstellungen, etwa wenn Tiere menschliche Rollen übernehmen oder gesellschaftliche Ordnung humorvoll auf den Kopf gestellt wird. Solche Motive finden sich auch in unserer Ägypten-Dauerausstellung und machen deutlich, dass diese Kultur nicht nur von Ernst und Jenseitsglauben geprägt war, sondern auch von feinem, teils überraschend modern wirkendem Humor.

Zum altägyptischen Alltag gehörten auch Feste, Rituale und gemeinschaftliches Feiern. Trinkgelage waren unverzichtbarer Bestandteil solcher Anlässe und wurden in Grabdarstellungen lebendig festgehalten, zum Beispiel mit musizierenden Gästen, ausgelassener Stimmung und reichlich Bier und Wein. 

Dabei scheuten die Darstellungen auch weniger schmeichelhafte Momente nicht. Selbst Betrunkene oder Erbrechende sind in Grabdarstellungen überliefert. Ein bekanntes Beispiel dafür befindet sich heute in einem Museum in Brüssel und zeigt, wie eng Lebensfreude und Exzess im Alten Ägypten beieinanderliegen konnten. 

Bier war im Alten Ägypten ein alltägliches Getränk, nahrhaft und nur leicht alkoholisch, während Brot als Grundnahrungsmittel diente. Brot und Bier spielten auch wirtschaftlich und religiös eine wichtige Rolle, etwa als Lohn oder als Opfergaben. Kamele hingegen, die im Song ebenfalls auftauchen, waren wie dort richtig erwähnt wird, in der Pharaonenzeit noch kaum verbreitet und wurden erst in späteren Epochen verstärkt als Lasttiere genutzt.

Unser Leitbild in der Praxis

Die Studierenden der MHH  haben diese historischen Elemente in eine moderne, bewusst zugespitzte Form eines Partyvideos übertragen und damit eine neue Perspektive auf das Alte geschaffen. Künstlerische Freiheit eröffnet die Möglichkeit, Geschichte in zeitgenössische Ausdrucksformen zu übersetzen und persönliche Zugänge zu schaffen – gerade auch für Themen, die sonst vielleicht als zu akademisch oder als langweilig wahrgenommen werden.

Das RPM verbindet Dialog, Inspiration, Kritik und Spaß miteinander. Projekte wie dieser Partysong fordern uns heraus und genau das ist gewollt. Wir möchten raus aus dem Elfenbeinturm, rein ins Leben und dort einen Raum schaffen, in dem unterschiedliche Stimmen ihren Platz finden, auch wenn sie nicht auf einstimmige Akzeptanz stoßen.

Community Engagement bedeutet für uns, Vertrauen in kreative Prozesse zu setzen, Räume zu öffnen und Vielfalt zuzulassen, statt Inhalte immer selbst vorzugeben.

Der Beitrag der Studierenden mag ungewöhnlich sein und gerade darin liegt seine Kraft. Er zeigt, wie kulturelles Erbe lebendig bleibt, indem es neu gedacht, hinterfragt und mitunter auch spielerisch gebrochen wird. Als RPM begrüßen wir solche Impulse ausdrücklich, denn sie sind ein wichtiger Teil unseres Weges hin zu einem offenen, dialogorientierten und zukunftsfähigen Museum. Wir verstehen unser Haus als einen Ort, der inspiriert und Geschichte im Hier und Jetzt weiterwirken lässt. Deshalb danken wir allen Beteiligten für ihren Mut zur Kreativität und Ihnen als Leser*innen für Ihre Offenheit, sich beim Anschauen des Videos mal auf eine vermutlich völlig neue Perspektive einzulassen:

Zum Video „Medimeisterschaften Hannover 2026 – Brot und Bier“